Karteikarte 23: Älter als der Euro

Anlässlich meines 17ten Geburtstages vor einigen Tagen habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Sie betrafen hauptsächlich mein Alter.

17… naja das ist noch ziemlich jung im Verhältnis. Ich bin etwas jünger als die Jahrtausendwende (je nachdem, wie man es rechnet), jünger als die letzte totale Sonnenfinsternis über Deutschland und jünger als das Ende des geteilten Deutschland.

Aber ich bin auch älter als das erste Smartphone, älter als die Neue Rechtschreibung und älter als der Euro.

Das Smartphone wurde 2007 vorgestellt, die neue Rechtschreibung 2005 eingeführt und der Euro 2002.

2002 konnte ich gerade mal laufen, und sprechen war noch nicht wirklich drin.

2005 war ich kurz davor, eingeschult zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten schon einige Leute sich geäußert, dass ich „anders“ sei als andere Kinder und man da doch mal nach schauen sollte.

2007 war ich in der 2. Klasse und fühlte mich irgendwie anders. Alle anderen bildeten kleine Gruppen und fingen an mich herumzuschubsen, da ich mich für eine der Gruppen entscheiden sollte. Ich hatte ein bisschen Probleme mit meiner Handschrift, war aber sehr talentiert im Malen und Basteln. „Richtig“ schreiben kann ich noch immer nicht, es sieht zwar sehr schön und ordentlich aus, aber ich habe mir ein h, k und f angewöhnt, die niemand außer mir als solche erkennt. Auch mein m, n und i sind einigermaßen gewöhnungsbedürftig, aber ok, damit kann ich leben.

2017 habe ich nun meinen (guten) Realschulabschluss in der Tasche. Ich mache eine Ausbildung, die mir sehr viel Spaß macht. Habe eine tolle Klasse, an die ich mich immer wenden kann. Habe die ersten Freundinnen meines Lebens. Ich habe meine Leidenschaft für das medizinische Helfen entdeckt und angefangen, ehrenamtlich beim DRK (Deutsches Rotes Kreuz) zu arbeiten.

Alles in allem war das ganze letzte Jahr eines der besten meines Lebens, und ich danke allen, die daran Teil haben.

Doch wie alt bin ich wirklich? „Man ist immer so alt wie man sich fühlt!“ heißt es immer. Aber wie alt fühle ich mich eigentlich? Manchmal würde ich einfach gerne mit 3-jährigen den ganzen Tag malen, mich zu 6-jährigen vor den Fernseher setzen und die „Sendung mit der Maus“ gucken oder mit einem Haufen 11-jähriger Fußball spielen.

Und im nächsten Moment fühle ich mich so viel älter und vernünftiger als die meisten meiner Altersgenossen, die ihren Tag damit verbringen, die Schule zu hassen, sich zu betrinken, Leute anzupöbeln und im schlimmsten Fall auch noch Drogen zu nehmen. Ich habe auch eine ganz andere Denkweise als diese. Ich weiß, was ich in meinem Leben erreichen will und was meine Ziele sind. Ich versuche immer besser zu werden und klug und vernünftig zu wirken. Ich arbeite in der Schule anständig mit, gehe gerne hin und finde Alkohol und ähnliches alles außer „cool“.

Oft werde ich auch für viel älter gehalten. Regelmäßig wird mir unterstellt, ich würde schon arbeiten oder hätte studiert oder Ähnliches. Und das steht in einem krassen Gegensatz dazu, wie ich mich fühle, wenn ich mich irrsinnig freue, weil ich zum Beispiel Fliegenfängerstreifen aus ihrer Röhre ziehen darf, Johannisbeeren im Garten ernte oder es einfach nur mein Lieblingsessen zu Mittag gibt.

Also wenn mich jetzt jemand fragen würde, wie alt ich mich fühle, würde ich glaube ich antworten „Irgendwie alles zwischen 6 und 25“.

Mal schauen, ob ich bis zu meinem 18. Geburtstag noch zu einem anderen Punkt komme, aber das ist mal der aktuelle Stand der Dinge!

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3 Gedanken zu “Karteikarte 23: Älter als der Euro

  1. autistanbord schreibt:

    Das mag für dich komisch klingen, aber für mich klingt das schon wirklich ziemlich reif für dein Alter. (Das ist übrigens als positive Aussage gedacht!)

    Ich finde diese „Regeln“, wofür man in welchem Alter „zu alt“ ist, eh blöd. Wer will mir das vorschreiben… Die Sendung mit der Maus ist nach wie vor toll, in meiner Familie kultiviert glaube ich jeder eine LEGO-Sammlung (einschließlich MEINER Eltern … und Großeltern), und es wird Astrid Lindgren und Janosch mit der gleichen Freude gelesen wie harte Erwachsenenthriller. Ich finde es ziemlich traurig, wenn Leute diesen Teil, der sich eben über „Kindersachen“ freuen kann, aufgeben.

    (Die Fliegenfängerstreifen finde ich übrigens auch cool, v.a. die spiralförmig runden).

    Gefällt 1 Person

    • Deline Heidensohn schreibt:

      Moin, moin,
      das hast du echt toll geschrieben!
      Du formulierst wunderbar lebendig, deswegen macht es viel Freude deine Texte zu lesen! 😊
      Alles Gute nachträglich zum Geburtstag! 🎂

      Mein jüngster Sohn, der auch autistisch ist, ist auch Jahrgang 2000. Er wird im Dezember 17.
      Seine Ur-Oma, die leider nicht mehr lebt, ist fast genau 100 Jahre älter als er. (Im Dezember 1900 geboren!)

      Ich freue mich schon auf deine nächste Karteikarte! 🌸

      Gefällt 1 Person

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