Karteikarte 21: Neues aus der Gruppentherapie

Einer der Grundsätze der Gruppentherapie, der gleich in den ersten Minuten genannt wurde, war „...wir sind hier eine Coaching-Gruppe“. Wir seien hier, um Dinge zu lernen, damit wir  in Zukunft unseren Alltag besser meistern können.

Da wurde mir folgendes klar: Dadurch, dass ich ohne Diagnose aufgewachsen bin, war ich sozusagen gezwungen, täglich meinen Alltag zu meistern. Niemand hätte es einfach hingenommen, hätte ich gesagt: „Ich kann/verstehe das einfach nicht!“ und wenn ich es doch mal getan habe, hieß es „stell dich nicht so an, das haben Hunderttausende vor dir auch geschafft/verstanden!“. Um nicht ausgeschlossen zu werden oder mich nicht ausgeschlossen zu fühlen, habe ich mich deshalb auch Situationen angepasst, die ich nicht verstanden habe.

Dann kam meine Diagnose. Meine Eltern sagten: „Du darfst dich jetzt nicht drücken und das mit der Diagnose entschuldigen.“ Gut, ich habe mich also bemüht, mein Verhalten in diesem Punkt nicht zu ändern und mich weiterhin allem anzupassen. Natürlich klappt das nicht immer und vor allem nicht bei sozialer Kommunikation oder in der Gegenwart bestimmter Personen. Aber ich komme trotzdem damit klar.

Jetzt kommt der große Vorteil: Meine Klasse weiß über meine Diagnose Bescheid, und besonders meine neuen Freundinnen weisen mich jedes Mal darauf hin, wenn ich etwas anders mache, als man es von mir erwarten würde. Sie erklären mir, wie es denn „richtig“ gewesen wäre. Das ist mir in der Schule eine große Hilfe. Genau so machen es meine Eltern ja auch bereits seit mehr als einem Jahrzehnt, nur dass wir uns jetzt, wo ich immer älter werde, sehr viel seltener sehen. Jetzt übernehmen das also meine Klassenkameraden auf der Berufsfachschule für sie.

So, zurück zum Thema. In der Gruppe wollen wir also Dinge lernen, die wir im Alltag nicht schaffen oder mit denen wir Schwierigkeiten haben. Jetzt stellt sich mir doch die Frage, was genau ich dort noch lernen soll? Ich gehe allein zur Berufsfachschule, ich besuche in dem Zusammenhang auch Veranstaltungen wie Messen und Vernissagen, ich kann mich selbst mit allem Lebensnotwendigen versorgen. Ich kann mir meinen Tag selbst einteilen und umsetzen, ohne auf viel Hilfe von außen angewiesen zu sein, und ich schaffe all dies meistens ohne allzu viel Stress. Ich finde also, ich bin eigentlich ziemlich gut, auch wenn es manchmal total anstrengend ist und ja, manchmal ist es mir zu viel.

Trotzdem bin nicht so ganz sicher, was ich in der „Coaching-Gruppe“ noch lernen kann, was mir meine Eltern oder meine Klassenkameraden nicht ohnehin schon vermitteln. Deshalb bin ich gespannt, wie es weitergeht…

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4 Gedanken zu “Karteikarte 21: Neues aus der Gruppentherapie

  1. autistanbord schreibt:

    Im „besten“ Fall kommst du dabei auf Sachen, die dir von alleine gar nicht eingefallen wären.
    Im „schlimmsten“ Fall lernst du in der tat „gar nichts“, kannst aber deine Erkenntnisse weitergeben. Dann hast du immerhin anschließend an Kompetenz in Informationsvermittlung gewonnen (und möglicherweise im Beobachten der Verhaltensweisen anderer…das kann auch gelegentlich praktisch sein.)
    Hoffe, du berichtest, wie es läuft.

    Gefällt 2 Personen

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