Karteikarte 15: Vorurteile „Soziales“

Vorab möchte ich eines betonen: Dies sind Vorurteile, die nicht mir gegenüber erwähnt wurden, sondern solche, die sich in Internetforen und ähnlichem tummeln. Ich bin bisher quasi ohne diese Vorurteile durchs Leben gegangen, weil meine Diagnose ja erst spät gestellt wurde. Ich möchte diese Karteikarte nutzen, um sie von Anfang an auszuschließen!

Vorurteil 1: Autisten können keinen Blickkontakt halten

Ich vermeide Augenkontakt, zugegebenermaßen. Ich vermeide es generell ins Gesicht meines Gegenübers zu sehen. Viele Autisten nutzen den Tricks wie „…schau auf die Nasenwurzel“ oder „… schau einfach auf die Schläfen“. Bei funktioniert das nicht wirklich… Ich konzentriere mich dann, ob ich will oder nicht, auf jede winzige Veränderung dieser Teile, und das lenkt mich dann vom Fokus auf ein Gespräch ab. Ich schaue meistens mit dem Kopf seitlich zu meinem Zuhörer und drehe ihm mein Ohr zu, um den Effekt zu erzeugen, dass dieser denkt „… sie hört mir zu, aber vielleicht hört sie ja nicht so gut auf dem anderen Ohr…“. In Nullkommanichts kann man Unannehmlichkeiten vermeiden (ich habe mir das übrigens bei Senioren abgeschaut, und bei denen wirkt es auch nie unhöflich…).


Vorurteil 2: Autisten nehmen die Bedürfnisse von anderen nicht wahr

Bei der Wahrnehmung von Bedürfnissen geht es oft um Körpersprache oder versteckte Hinweise. Körpersprache ist nicht unbedingt eine meiner Stärken und versteckte Hinweise sind oft genau wie Sprichwörter – sie zu entziffern ist wie Hieroglyphen für mich. Meine bildliche Vorstellungskraft ist quasi grenzenlos, was vor allem bei Sprichwörtern für amüsante Situationen sorgt (man denke nur an „Hol mal die Kuh vom Eis“, „Da wird ja er Hund in der Pfanne verrückt“ oder auch „Um sieben werden hier die Bürgersteige hochgeklappt“).

An sich mache ich mir oft Gedanken über andere Menschen und ich erkenne Veränderung im Verhalten durchaus… die Interpretierung läuft noch nicht allzu rund dementsprechend sind meine Reaktionen manchmal fehlerhaft.


Vorurteil 3: Sie sind unsozial

Für mich persönlich sind soziale Kontakte oftmals sehr anstrengend. Deshalb halte ich sie in Grenzen (siehe Karteikarte 9: Ziemlich beste Freundinnen). Auch fehlerhafte Reaktionen werden oft als „unsozial“ betitelt (Siehe Vorurteil 2). Aber das bedeutet nicht, dass Autisten niemals Freunde haben, nicht das Haus verlassen und sich weigern zu kommunizieren, wenn sie angesprochen werden. Es heißt nicht umsonst „Spektrumsstörung“, und ich denke, jeder Autist hat soziale Felder, in denen er sich schwer tut. Aber jedes soziale Feld, mit dem irgendein Autist Probleme hat, auf alle zu übertragen, halte ich für falsch!

Es werden wohl noch einige Karteikarten folgen…

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2 Gedanken zu “Karteikarte 15: Vorurteile „Soziales“

  1. autistanbord schreibt:

    Bei 1 bin ich jetzt neugierig: was passiert, wenn du deine Augen so ein bisschen auf unscharf stellst, dass du das Gegenüber nicht ganz klar siehst? Das habe ich früher ganz viel gemacht, um die zu vielen Details und Änderungen auszublenden, lange halt auch in einem Ausmaß, in dem zu sehen war, dass ich den anderen nicht „anschaue“ sondern den Blick auf „viel weiter weg“ gestellt habe. Kann ich inzwischen deutlich dosierter, wobei ich bei Gesprächen heute auch eher den „Schau knapp dran vorbei“ Trick anwende, aber bei manchen anderen Sachen brauche und nutze ich immer noch lieber den Unscharfstelltrick.

    Gefällt 1 Person

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