Karteikarte 11: Meine kleinen Ticks (1)

Wie viele Autisten halte ich mich an feste Rituale, die meinen Morgen bestimmen. Eigentlich beginnt mein Morgen schon am vorherigen Abend. Ich schaffe es nicht, mir morgens Klamotten herauszusuchen, denn die Menge und Auswahlmöglichkeiten sind mir morgens einfach zu viel. Ich verbringe also den Abend vorher damit, das „perfekte Outfit“ herauszusuchen. Ich werde solange nicht mit Herumprobieren aufhören, bis ich es gefunden habe. Wenn ich dabei von irgendjemandem unterbrochen werde, der sagt: „Das sieht doch toll aus, lass es doch so!“, dann gebe ich nach und höre auf, auch wenn es mir selbst nicht gut erscheint. Das ist meist keine gut Idee. Es kann durchaus passieren, dass meine Gedanken den gesamten Abend nur noch um Kleidung kreisen. Außerdem ist es möglich, dass ich mitten in der Nacht aufschrecke und das Outfit ändern muss, damit ich endlich in Ruhe schlafen kann.

Außerdem habe ich ein paar Ticks, was Klamotten angeht.

Tick 1: Jede Farbe muss in einem Outfit mindestens 2 Mal, Ton in Ton, in meiner Kleidung existieren. Selbst die geringste Farbabweichung treibt mich quasi in den Wahnsinn (nur Normalos können behaupten, dass jedes Blau zu Jeans passt!).

Tick 2: Meine Klamotten müssen immer perfekt zusammen passen, es dürfen auf keinen Fall zwei oder gar drei Stile gemischt sein.

Tick 3: Ich kann mich nicht in entspannten Klamotten in der Öffentlichkeit zeigen. Ich habe immer das Gefühl adrett, ordentlich und artig aussehen zu müssen. Ich fühle mich sehr unwohl, wenn ich das Gefühl habe, schlampig auszusehen.

Tick 4: Niemals kurze Sachen! An extrem heißen Sommertagen (30 Grad +) lasse ich mich mit Mühe zu einem T-Shirt überreden, aber niemals kurze Hosen, Röcke oder Kleider in der Öffentlichkeit!

Tick 5: Ich trage nur sehr wenige Farben: Jeans, viel Schwarz, sehr wenig Weiß, Weinrot, Petrol und Dunkelblau.

Tick 6: Keine Accessoires! Das höchste aller Gefühle sind in diesem Fall 3 verschiedene Paar Ohrringe, die ich abwechselnd trage. Niemals Ketten oder Armbänder. Manchmal auch gerne Ringe, aber ich habe noch nicht viele schöne gefunden.

Tick 7: Keine Motive auf Shirts oder Pullovern, nochnichteinmal auf Socken! Sie machen mich nervös wenn sie in meinem Blickfeld herumgeistern.

Ich habe in anderen Blogs zum Thema Asperger gelesen, dass andere Autisten oftmals Probleme mit verschiedenen Stoffstrukturen haben. Sie beschreiben, dass es sich wie Ameisen anfühlt,  die auf der Haut herumkrabbeln. Dieses Problem habe ich glücklicherweise nicht.  Ich bin in der Lage, fast alle Arten von Klamotten zu tragen (abgesehen von zu eng anliegenden Hosen).

Ich glaube, für meine Eltern sind manche dieser Allüren sehr anstrengend, obwohl sie mich ja kennen. Vor allem Shoppen ist ein Alptraum, aber das ist ein anderes Kapitel…

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6 Gedanken zu “Karteikarte 11: Meine kleinen Ticks (1)

  1. autistanbord schreibt:

    Für mich kein Problem mehr, denn ich habe nur ein Outfit für „alle Tage“, das dafür in mehrfacher Ausgabe. Identische Jeans, identische T-Shirts, identische Kapuzenjacken, etc. Alles schwarz, das Maximum der Variation sind blaue Jeans zum reiten (mit Absicht, um die Reitklamotten von den „normalen“ schneller zu trennen). Dazu einmal Anzug für hochgeschäftliche und feierliche Anlässe bei denen man in Jeans nicht auftauchen sollte, und die Reenactmentsachen.
    Ich habe erst kürzlich ein Oberteil mit Druck ausprobiert, weil mir das Motiv sehr gut gefiel, ging gar nicht. Ich hatte ständig nur diese Unruhe am unteren Blickfeldrand vor mir… habe mich sehr schnell wieder umgezogen. Einige meiner T-Shirts habe ich auf der Rückseite mit einem an mein Spezialinteresse angelehntes Motiv bedrucken lassen, ich finde es angenehm, mich da manchmal als „vom Fach“ „outen“ zu können, ohne etwas sagen zu müssen. Hinten sehe ich es ja nicht, alle andren aber schon.
    Ohrringe hatte ich – ein Paar – bis ca. 17, dann einen verloren und beschlossen, bevor ich mich an andere gewöhne, trage ich lieber gar keine mehr. Ringe würden für mich nie gehen.
    Röcke sind undenkbar, kurze Hosen auch. Normalerweise mag ich locker sitzende Kleidung nicht, aber im Sommer schlägt weit und lang kurz und enger anliegend um Längen. T-Shirt „ohne was drüber“ ist eine Notfalllösung im Sommer.
    Stoffstrukturen machen mir kein Problem, das Fehlen dieser aber schon. Also für mich bitte kein glattes Polyester o.ä.

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  2. JanJan schreibt:

    Morgens Klamotten suchen schaffe ich auch nicht, aber auch am Abend macht mir das nicht besonders viel Arbeit, da ich wie autistanbord immer das gleiche trage, in mehrfacher Ausführung. So habe ich für jeden Anlass immer eine „Kollektion“ parat. Eine für Arbeit A, eine für Arbeit B, eine zum Einkaufen, eine zum Reiten etc… Von daher brauche ich darüber nicht nachdenken.
    Ich lasse mich sogar ab und zu hinreißen neue „andere“ Klamotten zu kaufen, zum Beispiel, vom Markt, meist landen und bleiben sie dann leider im Schrank…
    Stoffe dürfen bei mir nicht kratzen, aber auch nicht zu glatt sein, so Seide auf der Haut da kriege ich die Krise. Ich mag weiche, kuschelige Klamotten, nicht zu eng.
    Fan von Schmuck bin ich nicht, trage seit vielen Jahren aber den gleichen, Ehering, eine kleine Kette, einen Ring im Ohr… Mehr als genug…
    Anderen Krimskrams mag ich überhaupt nicht, keine Accessoires, keine Täschchen und… Ich mag auch keine Schminke…

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    • S.ina schreibt:

      Ich bin Teenager und habe vor einem knappen Jahr angefangen mich zu Schminken. Was das angeht, habe ich gute und schlechte Tage. Ab und zu sind Dinge wie Make-up, Wimperntusche und ähnliches kein Problem, aber vorallem an Tagen an denen ich Grundgestresst bin, macht Schminke mich Wahnsinnig!
      Auch was neu gekaufte Klamotten angeht, muss ich dir zustimmen. Manchmal sortiere ich Dinge, weil sie mir zu klein geworden sind, aus bevor ich sie einmal getragen habe.

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  3. S.inas Mom schreibt:

    „Ich glaube, für meine Eltern sind manche dieser Allüren sehr anstrengend…“ hm, ja, kann ich nicht ganz von der Hand weisen 🙂 Zeigt mir mal wieder, dass ich mich in dieser Frage (noch) mehr zurücknehmen sollte. Meine Hinweise („passt doch so“) sind ganz offensichtlich nicht hilfreich.

    Gefällt 1 Person

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