Karteikarte 9: Ziemlich beste Freundinnen

Die Sache mit der Freundschaft ist, glaube ich, für viele Autisten ein Thema. Auch in den Kommentaren dieses Karteikastens kommt das immer wieder zur Sprache.

Ich kann mich nicht erinnern – seit dem Kindergarten – irgendeine Freundin gehabt zu haben. Um überhaupt über Freundschaft diskutieren zu können, müsste man erst einmal eine Definition des Wortes „Freundschaft“ abgeben. Ich habe ein wenig recherchiert und bin zu folgendem Ergebnis gekommen. „Freunde“ ist man wenn man:

  • gegenseitig besondere Sympathie und Vertrauen empfindet
  • gemeinsame Interessen teilt und gemeinsame Unternehmungsvorlieben hat

Ich habe gerade die Schule gewechselt und mache jetzt eine Ausbildung. Es ist eine Vollzeitschule, an der ich mit vielen neuen Menschen konfrontiert bin. Ich hatte bisher sehr wenig Glück mit meinen Klassenkameraden, und da ich nicht viel das Haus verlasse, weil das zu anstrengend für mich ist, habe ich sonst nicht mit vielen anderen Menschen zu tun. Klassenkameraden sind so also meine einzigen Kontakte. In meiner neuen Klasse gibt es viele sehr nette Mädchen, die ganz anders sind, als ich es bisher gewohnt war. Ich mag es gerne, mit Leuten mit ähnlichen Interessen zusammen zu sein, und ich genieße die freundlichen Gespräche und die Mühe, die sich alle miteinander geben. Aber Menschen neigen dazu, je näher sie geistig einander kommen, sich auch körperlich näher zu kommen. Ich bin kein besonderer Freund von Berührungen, aber es ist schwierig, jemanden davon abzuhalten, einen zu berühren, ohne unhöflich rüberzukommen.

Auch Mißverständnisse spielen eine große Rolle. Gespräche, die von beiden Seiten unterschiedlich aufgefasst werden, werden manchmal zum Problem. Ich bin noch sehr unsicher, was den Umgang mit anderen Mädchen angeht und denke oft darüber nach, ob das, was ich gerade tue, richtig ist und ob mein Gegenüber mich richtig versteht. Dass es nicht immer richtig ist, erkenne ich daran, dass ich mit anderen aneinandergerate. Aber ich arbeite daran und wünsche mir sehr, dass die anderen mich besser verstehen und so mögen, wie ich bin.

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2 Gedanken zu “Karteikarte 9: Ziemlich beste Freundinnen

  1. autistanbord schreibt:

    Für mich gibt das zwei Arten von Freundschaften. Freundschaft zwischen Autisten und Freundschaft mit NTs. Das erste finde ich einfacher, weniger anstrengend und auch für mich ergiebiger.
    Ich habe zwei NT-Freundinnen, und damit ist mein Bedarf auch vollends gedeckt. Mehr könnte ich gar nicht jonglieren. Beide sind hochbegabt. Mit der einen have ich mehrmals die Woche Kontakt per E-Mail, Skype, etc. Dreimal jährlich treffen wir uns – einen Tag im Frühjahr, ca. 10 Tage verreisen wir gemeinsam Ende September und die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr treffen wir uns ebenfalls. Das ist schon lange so, wir kennen uns seit etwa 20 Jahren.
    Die andere traf ich im Studium, lange Zeit machten wir alles zusammen, weil wir uns extrem gut ergänzten. Jetzt haben wir selten Kontakt, wir sind beide viel auf Reisen, aber wenn eine in der Nähe des Wohnorts der anderen ist melden wir uns, und wenn es dann irgendwie zeitlich passt, unternehmen wir auch etwas zusammen. Einen Tag, zwei, oder auch eine halbe Woche. Danach ist dann wieder Funkstille, bis die nächste Terminansage kommt. Das ist aber eine sehr angenehme, einvernehmliche Stille, bei der jeder weiß, wenn er sie bricht, dann kommt auch umgehend Antwort.

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